Der Blog zum wohngesunden Bauen

10. August 2012

Formaldehyd in Rathaus und Schule

Auf die Gefahr hin, dass es langweilig wird: wieder mal stellt sich heraus, dass kaum jemand ahnt, in welch großem Umfang wir Schadstoffen in Innenräumen ausgesetzt sind. Und wenn dann Beschwerden kommen, dauert es lange, bis die Schadstoffe festgestellt sind und noch viel länger, bis die Betroffenen Hilfe bekommen. Zwei aktuelle Beispiele illustrieren dies:

Fall 1

Im Reutlinger Rathaus klagt eine Mitarbeiterin über Beschwerden. 2011 und 2012 finden insgesamt drei Schadstoffmessungen statt, die den Richtwert von 0,12 Milligramm pro Kubikmeter (120 µg/m³) überschreiten. Dieser Richtwert ist ohnehin schon höchst bedenklich und wird sicherlich in Bälde korrigiert werden. Der Sentinel Haus Gesundheitspass erlaubt z.B. nur 60 µg/m³. Als Quellen der gasförmigen Schadstoffe werden nun Schränke und Zimmerdecken aus Pressspan identifiziert. Die vor fast 50 Jahren hergestellten Materialien dünsten das Formaldehyd aus. Als Soforthilfe hat die Reutlinger Oberbürgermeisterin Barbara Bosch auf Anraten von Gutachtern die Belegschaft im Rathaus gebeten, stündlich die Büros zu lüften und die Jalousien bei Sonne herunterzulassen, damit sich die Zimmer weniger erwärmen. Außerdem wurden  Servicekräfte beauftragt, die jeden Morgen um fünf Uhr sämtliche Räume lüften. Wenn wie vorgeschlagen gelüftet und die Sonneneinstrahlung vermindert werde, könne der Formaldehyd-Wert unter den vorgegebenen Richtwert gesenkt werden, schrieb OB Bosch an die Mitarbeiter. Diese wirkungsvolle Ersthilfe sei aber auf Dauer nicht ausreichend.

Die Sanierung des in die Jahre gekommenen Rathauses war ohnehin vorgesehen. Die Kostenschätzungen dafür liegen bei 30 Millionen Euro. Jetzt werde die Arbeit voraussichtlich rascher angepackt, meinte die Bürgermeisterin.

Voraussichtlich. Wie würden Sie sich fühlen als Mitarbeiter im Rathaus? Aber voraussichtlich wissen Sie ja nicht, dass Formaldehyd  Allergien, Haut-, Atemwegs- oder Augenreizungen verursachen kann oder dass es bei chronischer Exposition krebserregend ist und  zudem das Gedächtnis, die Konzentrationsfähigkeit und den Schlaf beeinträchtigt.

Pressebericht 1, Pressebericht 2

Fall 2

Noch besser geht es Menschen in Höhenkirchen bei München. Aber es sind ja nur Kinder. Hier wurden in den wegen Sanierung des Gymnasium übergangsweise (wir reden von Jahren!) aufgestellten Containern nach Beschwerden der Kinder und der Eltern im Juli 194 µg/m³ Formaldehyd gemessen, außerdem noch 84 µg  Styrol. Gott sei Dank gibt es Experten, die solche Ergebnisse richtig einzuschätzen wissen: Auch hier wird auf die 120 µg des Umweltbundesamtes verwiesen. Bis zu diesem Wert, erklärt Gerhard Schmid, Leiter des Gesundheitsamt München Land, sei eine krebserregende Wirkung ausgeschlossen. Es ist schön, wenn sich Leute so gut auskennen und auch so sicher sind.

Und der zuständige Zweckverband Staatliche Weiterführende Schulen sagt ja auch „Unter keinen Umständen“, werde man am Schuljahresanfang „Kinder in Räume schicken, die gesundheitlich bedenklich sind“.

Man muss dann eben nur schauen, was  “gesundheitlich bedenklich” ist. Dann wird das schon.

Pressebericht

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